„The Sun Machine Is Coming Down“ Kunstfestival im ICC Berlin 2021

Nadine Kesting Jiménez

03.11.2021

Es ist eine einzigartige Möglichkeit dieses prägende Bauwerk in seiner Gesamtheit zu erleben. Seit sieben Jahren war das Internationale Congress Centrum Berlin nicht mehr zugänglich für die Öffentlichkeit, der introvertierte Gigant schlummert vor sich hin und begegnet uns nur kurz im Vorbeifahren an der A115. Inzwischen steht das ICC seit 2019 unter Denkmalschutz und es wird die Debatte geführt, es wieder als Kongresszentrum zu nutzen. Einen flüchtigen Moment lang, für zehn Tage wird in diesem Herbst hier das 70. Jubiläum der Berliner Festspiele gefeiert mit dem Festival „The Sun Maschine Is Coming Down“, einem Zitat aus dem Song Memory Of A Free Festival von David Bowie. Aufgrund der aktuell laufenden Sanierung des Festspielhauses an der Schaperstraße wird das ICC als außergewöhnliche Interimsspielstätte genutzt für ein Festival das unterschiedlichste Formate von Screenings, Performances und Musik bis zu Kunstinstallationen zeigt.

Der Slot ist gebucht, für dreieinhalb Stunden steht uns das ICC offen. Der eigenwillige Baukörper wird mit einer Lichtinstallation inszeniert, die als Sonnenaufgang anmutet und das gebäudebreite Schriftbanner zeigt, dass wir hier richtig sind. Der Einlass erfolgt schnell: QR-Code scannen, Eintritt vorzeigen und noch ein Programmheft mitnehmen. Ein riesiges Foyer eröffnet sich und das Wegleitsystem von Frank Oehring leuchtet. Wir schauen ins Programm, um uns dann doch treiben zu lassen. Die Vitrinen sind neu gestaltet mit Arbeiten von Makus Selg, sie leiten uns zu der großen Treppe in der Tiefe des Raums. Eine Ebene weiter oben begegnen wir einer bunten Vegetation, einer Installation von Ayaka Nakama und dem Bureau der Floating University Berlin. Wir wollen weiter in die verschiedenen Säle und keine Performance verpassen. Also weiter hoch, zur Julia Stoschek Colletion im gewaltigen Saal 1. Wieder hinunter, einen kurzen Abstecher in Saal 7 mit Projektionen von Grace Tjang. Gleich daneben, der markante runde Saal 6 in dem Vortragsausschnitte von Friedrich Kittler projiziert werden. Vor Saal 4/5 steht eine lange Schlange: Ein heller ruhiger Raum in dem gepolsterte Sitzbänke ungleichmäßig verteilt sind – hier fesselt die Performance von Tino Sehgal -, wir sitzen und lauschen und wollen nicht mehr gehen. Aber die Zeit rennt uns davon, Saal 2 wollen wir uns noch anschauen, der durch die abgesenkte Decke geteilt ist, so dass im vorderen Teil ein Auditorium und im hinteren eine freie Fläche entsteht, wo die Performance von Chloé Moglia stattfindet. Einen letzten Blick auf das Screening in Saal 3 mit Filmen zu 70 Jahren Berliner Festspiele. Unsere Zeit im ICC ist abgelaufen. Längst haben wir nicht alles gesehen, aber wir nehmen vielfältige Eindrücke von dem Festival in dieser außergewöhnlichen Interimsspielstätte mit. 

Wir bewegen uns zum Ausgang, vorbei an der Tür mit den bunten Stickern, die Besucher:innen und Timeslot zuordnen. Auf dem Vorplatz angekommen, ein Blick zurück zum Raumschiff – in der Abenddämmerung wirkt die Lichtinstallation an der Fassade noch intensiver. Es scheint als ob jemand den On-Button des Gebäudes gefunden und einfach mal drauf gedrückt hat. Viele Gedanken und Frage zu dem Gesehenen und Erlebtem füllen unsere Köpfe. In jedem Fall konnten wir mit „The Sun Maschine Is Coming Down“ die Raumpotenziale der verschiedenen Säle und weitläufigen Foyers im ICC erkunden, erleben und haben einen neuen Zugang bekommen.

Websites:
www.berlinerfestspiele.de
Rezeption:
Harbusch, Gregor. „Das Raumschiff bleibt ein Raumschiff. Denkmalschutz für das ICC in Berlin“ 4. September 2019. https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Denkmalschutz_fuer_das_ICC_in_Berlin_6991990.html, 26.10.2021
Landesdenkmalamt Berlin. „Jung, aber Denkmal: ICC Berlin“. 9. Dezember 2020.https://www.youtube.com/watch?v=N5D_CtgJxBY, 12.10.2021
Hauenstein, Hanno. „Heute zum letzten Mal: „The Sun Machine Is Coming Down“ im ICC“. 8. Oktober 2021. https://www.berliner-zeitung.de/wochenende/sonnenmaschine-im-senkflug-kunst-im-icc-messegelaende-li.187646, 20.10.2021
Timm, Tobias. „Einsteigen, losfliegen“. 9. Oktober 2021. https://www.zeit.de/kultur/kunst/2021-10/icc-berlin-gebaeude-internationales-congress-centrum, 20.10.2021
Scheder, Beate. „Alles schreit nach Aufmerksamkeit“. 12. Oktober 2021. https://taz.de/Archiv-Suche/!5804397&s=the%2Bsun%2Bmachine%2Bis%2Bcoming%2Bdown&SuchRahmen=Print/ 20.10.2021

 

 

 

Spielort (Raum/Bautyp)Bautyp: temporärer Spielort im leerstehenden BestandsbauInternationales Congress Center Berlin  Kongresshalle

Adresse: Messedamm 22, 14057 Berlin

Baujahr: 1979 / Leerstand seit 2014 / Neunutzung in der Debatte

Installation/Entwurf: Thomas Oberender, Berliner Festspiele und Künstler:innen

Projektkosten/Baukosten: keine Angaben

Finanzierung: Programmreihe Immersion gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Konstruktion: Installationen im Bestand

Platzanzahl: 20 bis 3000 Plätze (Saal 2) und 5000 Plätze (Saal 1), weitere Plätze in den Foyers

Bühne: verschiedene Räume und Säle im ICC

Künstler:innen: Monira Al Qadiri & Raed Yassin, Arachnophilia & Studio Tomás Saraceno, Ed Atkins, Grace Ellen Barkey / Needcompany, Dara Birnbaum, Jonas Brinker, Rainer Werner Fassbinder, Cao Fei, Floating University Berlin, Cyprien Gaillard, Barbara Hammer, Arthur Jafa, Richard Janssen, Ilya Khrzhanovsky & Ilya Permiakov, Scott King, John Carroll Kirby, Lawrence, Gordon Matta-Clark, Darragh McLoughlin, Chloé Moglia, Jörg Müller, Ayaka Nakama, Nalan, Nazanin Noori, Frank Oehring, Ulrike Ottinger, Khien Phuc, James Richards & Leslie Thornton, Rosaceae & Natascha P., Rachel Rose, Andrea Salustri, Tino Sehgal, Markus Selg, Joulia Strauss, Alexis Taylor, Tegel Media, Unguarded, Alexander Vantournhout / not standing, WangShui, The White Screen u. v. a.