Kleine Bühne – großes Figurentheater Chemnitz

Ein Gespräch mit Gundula Hoffmann zu dem Spielort Figurentheater Chemnitz und der Produktion "So glücklich, dass du Angst bekommst"

Annette Menting

02.12.2021

Zum Gespräch mit Gundula Hoffmann, der Direktorin des Figurentheaters, haben wir uns im Rahmen von Recherchen zu unserer Fallstudie Schauspielhaus Chemnitz verabredet. Wir treffen uns nachmittags im Foyer, in dem sich die Kleine Bühne befindet und somit der Sitz des Figurentheaters. Der Spielort ist von einer intimen Raumsituation geprägt mit einer Bühne von geringer Tiefe und einer Publikumstribüne für 100 Personen. Den Raumabschluss bildet eine Doppelglaswand, in deren Zwischenraum ein schwarzer Vorhang die Konzentration auf die Spielsituation oder die Öffnung zum Foyer erlaubt. Bei unserem Besuch beobachten wir diesmal, dass die Glaswand auch als Vitrine und damit als Ausstellungsraum für die Klappmaulfiguren genutzt wird, so dass das Figurentheater auch für andere Publika des Theaterhauses wahrnehmbar wird. Nach einem Rundgang zu Bühne, dicht belegten Büros und Garderoben nutzen wir für unser Interview das hintere Foyer, das in seiner Weitläufigkeit und Materialität auf die Gestaltung des Schauspielhaus-Wiederaufbaus von 1980 zurückgeht. Trotz einiger zwischenzeitlich erfolgter Ein- und Umbauten ist eine Architektur wahrzunehmen, die während der DDR-Zeit mit wenigen Mitteln qualitätvolle Räume erzeugt hat.

Die Theater Chemnitz sind ein Fünf-Sparten-Theater mit Oper, Ballett, Philharmonie, Schauspiel und Figurentheater. Eine inzwischen 70-jährige Tradition verbindet sich mit dem Figurentheater und seinen verschiedenen künstlerischen Ausrichtungen und Spielstätten, die seit 1951 an unterschiedlichen, früher oftmals provisorischen Orten in der Stadt angesiedelt waren bis vor zehn Jahren die Kleine Bühne des Schauspielhauses bezogen wurde. Zwar hat das Figurentheater von den fünf Sparten den kleinsten Spielort - ungeachtet dessen findet hier großes Theater statt. Die Stücke und Themen beziehen sich spezifisch auf die Stadt und die Gesellschaft, legen Geschichten frei und entfalten eine Wirksamkeit, die über Chemnitz hinausreicht. Zu den jüngsten Produktionen, die vor wenigen Wochen erst Uraufführung hatte, gehört "So glücklich, dass du Angst bekommst. Geschichten von Chemnitzer Frauen aus Vietnam“. Für das Stück kooperierten das Figurentheater und das Projektteam von „neue unentd_ckte narrative 2025“ des ASA-FF e. V., um sich mit der Geschichte der Vertragsarbeiter:innen in der Region zu beschäftigen, die während der DDR-Zeit nach Ostdeutschland kamen und aus migrantischer Perspektive die Umbrüche um 1989 erfahren haben.

Gundula Hoffmann beschreibt die Produktion als ein „Geschenk für so viele: für Zuschauer:innen, die noch nie etwas über Vertragsarbeit gehört haben oder auf‘s Neue damit konfrontiert werden; für Schüler:innen, die ein Stück DDR-Geschichte aus anderer Perspektive erfahren; für die 3 Frauen, die den Mut haben, ihre Geschichten zu erzählen und die Erfahrung machen, dass sie gehört werden wollen; für die Community, die ihrer eigenen Geschichte begegnet und deren teils unsichtbare Vergangenheit sichtbar gemacht wir; für das gesamte Team in der Auseinandersetzung und Begegnung mit den Frauen...“. Für die Produktion haben Figurentheater und „neue unentd_ckte narrative 2025“ über einen längeren Zeitraum recherchiert, Interviews geführt, Dokumente gesichtet und Lebenswege Chemnitzer Frauen aus Vietnam nachgezeichnet. Die ersten beiden Aufführungen in der kleinen Bühne waren ausverkauft ebenso wie die geplanten Aufführungen, die allerdings mit Beschluss der sächsischen Corona-Notfall-Verordnung ausfallen müssen, da die Theater seit dem 22.11.21 bis mindestens Mitte Dezember geschlossen sind. Weitere Aufführungen sind für Frühjahr 2022 angedacht; es bleibt unbedingt hoffen, dass sie stattfinden können und es gelingt, eine der begehrten Karten zu bekommen.

 

Die Situation des Chemnitzer Theaters um 1989 beschrieb der frühere Dramaturg Karl-Hans Möller: Wie überall im Osten habe das Theater seine „herausragende Funktion der parabolischen und immer offeneren Opposition verloren, die politische Bedeutung des Theaters wurde auf eine innerhalb der Kunst wahrzunehmende zurückgestuft“ (Theater für die Stadt Chemnitz: Die Intendanz Rolf Stiska 1992-2006, hrsg. von Karl-Hans Möller und Harald Müller, S. 146). Verschiebungen und Neuorientierungen nach den gesellschaftspolitischen Umbrüchen 1989 schienen folgerichtig, doch inzwischen erweisen sich die Aufführungen des Figurentheaters quasi als Reaktivierung der unmittelbaren politischen Bedeutung von Theater und seiner gesellschaftlichen Relevanz im heutigen Chemnitz. Als ein Beitrag zum bundesweiten Theaterprojekt „Kein Schlussstrich!“ ist die Produktion "So glücklich, dass du Angst bekommst" in ein größeres Netzwerk eingebunden, dass sich mit Formen und Folgen von Rassismus und Empathie für Opfer und Betroffene in verschiedenen Städten auseinandersetzt. Insofern verfolgt die Direktorin des Figurentheaters mit dem Spielprogramm die Intentionen der Stadt auf engagierte Weise, die im Bid-Book „C the unseen“ zur Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025 mit „European makers of democracy“ beschrieben sind – und zwar in der Vernetzung von etablierten Kunsteinrichtungen und privaten Initiativen aus der Stadtgesellschaft.

 

Auf der Rückfahrt von unserer Chemnitz-Recherche resümieren wir die Begegnungen – und wir sind beeindruckt von der Arbeit des Figurentheaters, das sich trotz der kleinen Räumlichkeit als großes Theater behauptet. Wir hoffen auf ein gutes Durchkommen durch die pandemiebedingte Schließzeit und auf einen nächsten Aufführungsbesuch. Ab März 2022 soll der Theaterspielbetrieb im Spinnbau stattfinden, der in den nächsten zwei Jahren als Interim während der Sanierung des Schauspielhauses dient. Im Vorbeifahren erkennen wir die zukünftige Interimsspielstätte an der Altchemnitzer Straße und hinter der Baufolie auch schon den Leuchtschriftzug, der auf Schauspiel und Figurentheater verweist.  

 

 
Im Rahmen des DFG-Forschungsprojektes „Architektur und Raum für die Aufführungskünste“ ist für 2022 eine Publikation zur Fallstudie Schauspielhaus und Figurentheater Chemnitz geplant.
Die 2021 erschienene Veröffentlichung „Urbane Topologie Chemnitz: Spielstätten im Stadtkontext“ ist hier als Open-Access-Publikation zugänglich: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-752231

 

Websites: Figurentheater der Theater Chemnitz
https://www.theater-chemnitz.de/spielplan/detailseite/so-gluecklich-dass-du-angst-bekommst
FreundInnen- und Förderkreis Arbeits- und Studienaufenthalte (ASA) in Afrika, Asien und Lateinamerika (ASA-FF) e.V.
https://www.asa-ff.de/kulturproduktion-so-gluecklich-dass-du-angst-bekommst-feiert-premiere/
Kein Schlussstrich! Theaterprojekt zum NSU-Komplex des Licht ins Dunkel e.V.
https://kein-schlussstrich.de/event/die-bewegenden-geschichten-mobiler-frauen/
Migration - Chemnitz: Theater zeigt Lebenswege von Vietnamesinnen, In: Süddeutsche Zeitung vom 6.11.2021
www.sueddeutsche.de/politik/migration-chemnitz-theater-zeigt-lebenswege-von-vietnamesinnen-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-211105-99-884260

 

 

 

 

 

Spielort (Raum/Bautyp): Figurentheater im Schauspielhaus Chemnitz

Adresse: Zieschestraße 28, 09111 Chemnitz

Baujahr: Schauspielhaus, das 1980 als „Rekonstruktion“ / Wiederaufbau nach einem Brand auf den Fundamenten eines ehemaligen Festsaals des Altersheims Chemnitz entstand (Architekt: Rudolf Weißer).

Installation/Entwurf: 2003 Kleine Bühne / Foyerbühne (Architekt: Jochen Krüger) im Schauspielhaus

Aufführung/Nutzungszeitraum: "So glücklich, dass du Angst bekommst." / Uraufführung 06.11.2021, weitere Termine Spielzeit 2021/22

Projektkosten/Baukosten: ---

Finanzierung: Programm des Stadttheaters

Konstruktion: Verglaster Bühnenraum innerhalb des Foyers

Platzanzahl: 100 Sitzplätze; pandemiebedingt eingeschränkt auf etwa 50 Prozent.

Bühne: Reliefbühne (7 m Breite x 6 m Tiefe)

Künstler:innen und Mitwirkende: Miriam Tscholl (Regie, Bühne, Kostüm), Dagrun Hintze (Text), Atif Hussein (Puppen), Leonhard Endruweit (Musiker), Friederike Spindler (Dramaturgie), Denise von Schön-Angerer u. Sophie Luther (Theaterpädagogik und Vermittlung), Dr. Frauke Wetzel (Projektkoordination Koproduktion ASA FF e.V. und Diskursprogramm), Vũ Vân Phạm u. Ngọc Anh Phan (Produktionsbegleitung, Recherche und Rahmenprogramm), Claudia Acker, Thúy Nga Ðinh, Linda Fülle, Keumbyul Lim, Thị Như Lâm Nguyễn, Ngọc Bích Pfaff (Aufführende)