„Boden.Treff.Leipzig.“ im Bowlingtreff Leipzig

Annette Menting

8. November 2021

Herbst. Regen. Kühle. Warten auf dem brachliegenden Leuschner-Platz vor dem ehemaligen Bowlingtreff in Leipzig, in dem eine Performance angekündigt ist. „Boden.Treff.Leipzig. Die letzten 500 Millionen Jahre“. Eine Abwandlung des Namens dieser Anlage und ein Hinweis auf ihre geplante zukünftige Nutzung als Naturkundemuseum, das als eines seiner inhaltlichen Schwerpunkte auch die Geologie und damit die Millionenjahre Erdgeschichte behandelt.

Zu Veranstaltungsbeginn werden wir in das Haus eingelassen, das seit vielen Jahren leer steht. Die Graffitis an den Außenwänden setzen sich im Innern fort, unbekannte Zwischennutzer:innen haben ihre Spuren hinterlassen. In diesen Oktobertagen ist es um 19 Uhr bereits dunkel, also fällt kein Tageslicht durch das zentrale Glasdach. Eine provisorische Beleuchtung weist den Weg und leitet ins erste Untergeschoss auf die Galerieebene oder auch eine Ebene tiefer. In diesen weiträumigen Hallen erscheint es noch dunkler, lediglich einzelne Situationen werden durch Lichtspots hervorgehoben: Insekten-Glaskästen hinter dem früheren Barbereich sowie Maulwurf-Präparate und Gesteine in beleuchteten Schauboxen. Und die Bühne für heute Abend: die Bowlingbahnen. Über ihnen lenkt eine raumbreite Videoinstallation die Aufmerksamkeit auf sich. Am Ende der Bahnen sind die Bowling-Anzeigefelder hell beleuchtet als würde an der Stelle, wo der Bowling-Ball auf die Pins trifft, das Ereignis erwartet. Wir bleiben als Publikum vor dieser Bühne auf der oberen Galerie oder hinter einem brüstungshohen Raumteiler stehen.

Die Performance entstand unter der künstlerischen Leitung von Uwe Gössel und wird bestimmt von zwei Sprecher:innen, einem Musiker, drei Parzen-Darstellerinnen, einem Bürger-Chor, dem Bohrturm-Modell, der Videoinstallation – und dem imposant, langgestrecktem Raum, der gleichermaßen von ehemaliger Nutzung und Verfall berichtet. Die beiden Sprecher:innen nutzen die vorhandenen Möbel des Bowlingtreffs, eine sonderangefertigte Sitzbank mit Tisch und beginnen hier die Performance, die aus einer Montage von zehn „Sachverhalten“ (Walter Benjamin) und einem „Erdtheater“ besteht. Sie berichtet von der Erdgeschichte vor Millionenjahren im Verhältnis zur Stadtgeschichte mit den Ursprüngen Leipzigs in der slawischen Siedlung. Der ausführlicher betrachtete Zeitraum beginnt mit den 1920er-Jahren, in denen dieser Aufführungsort als Umformwerk errichtet wurde: Bilder von unterirdischer Stromversorgung und oberirdischem Leben in der aufregend, dichten Großstadt werden skizziert sowie von dem Platz, auf dem es nach dem Krieg leer geworden und der bis heute eine Brache mitten in Leipzig ist. Das soll sich ändern: Wir wissen, dass der Bebauungsplan verabschiedet ist und wir hören heute Abend, das ab 2029 das Naturkundemuseum an diesem Ort und in diesen Räumen seinen neuen Sitz bekommen soll.

Parallel zu den gesprochenen Texten verfolgt die Videoinstallation Themen wie die oberen Erdschichten, Tagebaue, Ausschnitte aus dem Naturkundemuseum und Präparationsvorgänge und präsentiert sie wechselnd in Detail- und Panoramaaufnahmen. Ergänzend finden sich Rauminstallationen zu Tieren, die in der Luft, auf der Erde und im Boden leben; sie werden in Schauboxen ausgestellt, die hier Assoziationen zu gläsernen Särgen erzeugen. Die Vermittlung der Naturkunde praktiziert seit zwei hundert Jahren das Ausstellen der leiblichen Überreste als Lehr- und Anschauungs-Objekte. Auch in Videoprojektion drängt sich die Allmacht der Naturkundler:innen gegenüber den Körpern der Tiere auf, in dem minuziös gezeigt wird wie eines lebloses Insekt mit vielen Nadeln präpariert wird, bis seine erstarrten Flügel anschaulich aufspannt sind. Das irritiert. Mit welcher Legitimation stellt sich die Frage. Wie wird das Museumskonzept kritisch auf das veränderte Verhältnis von Mensch und Tier reagieren?

Gegen Ende der Performance zitiert der Bürger-Chor als „Sachverhalt # 9“ aus Gottfried Herders „Geschichte der Menschheit“ und stellt damit die Frage an die Zukunft in 200 Jahren. Insbesondere in diesem Performance-Teil gelingt es, den Raum, die Installationen, die Aufführung und das Publikum zusammenzuführen. Wir ahnen, dass wir wiederkommen werden und der Ort und der Raum sich verändert haben werden – ein Naturkundemuseum also.

Zurück aus den feucht-kühlen, modrig-riechenden Untergeschossen (das Wasser stand jahrelang in dem untersten Geschoss und wird eine herausfordernde Instandsetzungsaufgabe) stehen wir wieder am Hauptzugang. Vor vierzehn Jahren war er das letzte Mal interimsweise für eine Programmwoche „Bowling together!“ geöffnet, eine Raumerkundung über eine Architekturausstellung mit unterschiedlichsten Veranstaltungen. Das anhaltende Interesse an dem Ort hatte im Oktober 2007 eine Gruppe Architekturstudierender und mich zu dieser urbanen Intervention motiviert: Was verbarg sich an diesem ungewöhnlichen Ort, hinter den verbarrikadierten Wänden mitten in der Stadt? Die temporäre Öffnung des Hauses und die öffentliche Programmwoche hatte unerwartet hohen Zuspruch von einem vielfältigen Leipziger Publikum bekommen. Die Veranstaltung „Zeichen setzen – Orte bilden“ mit der Sächsischen Akademie der Künste, dem Leipziger Baubürgermeister Martin zur Nedden und dem Bowlingtreff-Architekten Winfried Sziegoleit hatte letztlich einen Impuls gegeben, dass die Stadt die Leitsätze des früheren Masterplans zur Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses revidierte und das kleine Haus auf dem großen Platz fortan erhalten wollte. Über die nächsten Jahre folgten die Prozesse des Stadtratsbeschlusses zum Erhalt des Bowlingtreffs 2008, des Denkmalschutzes, der aktualisierten Bebauungsplanung für den Leuschner-Platz (Entwurf Petr Pelcák, Brno, und Ingo Andreas Wolf, Leipzig) 2010, weiterer Beschäftigungen mit dieser Ostmoderne-Architektur und einer Nutzungssuche zur Revitalisierung des Ortes, die schließlich zum Vorschlag Naturkundemuseum führte.

Am Haupteingang verweilend, berichtet eine Mitarbeiterin begeistert von der Zukunft des neuen Naturkundemuseums in diesem Gebäude. Es stellt sich die Frage, wie die Transformation gestaltet sein wird? Welche Aspekte, die in der Performance thematisiert wurden, werden in dem zukünftigen Raum berücksichtig? Die Stromversorgung als unterirdische Infrastruktur für das oberirdische Leben, der langgestreckte Raum der Bowling-Bahnen, der Ostmoderne-Schwarzbau in seiner eigenwilligen Materialität, der Tageslichteinfall in den unterirdischen Räumen? Wer entwirft die Zukunft dieses Raums? Einige Tage später finde ich nach einiger Recherche erste Antworten darauf: Nach dem Stadtratsbeschluss 2020 zum neuen Standort des Naturkundemuseums im Bowlingtreff ist derzeit ein Verfahren ausgeschrieben zur Vergabe der Planungsleistungen auf Basis einer 2019 erstellten Machbarkeitsstudie zu diesem Ort und einer 2017 entwickelten Ausstellungsgestaltung, deren Konzept allerdings noch auf den früher geplanten Standort Halle 7 in der Spinnerei zurückgeht. Ein erster Einblick in die Studien zeigt, dass das Eingangsgebäude denkmalgerecht instandgesetzt und die unterirdischen Räume als Ausstellungshallen geplant werden, doch wird es die großzügige Raumwirkung wohl kaum mehr geben, da drei „Zentralinszenierungen“ die Raummitte besetzen.

Zurück zur Performance in diesen zwei Oktoberwochen: Die Sachverhalt-Montage „Boden.Treff.Leipzig.“ hat die Wahrnehmung des Ortes gleichermaßen geschärft und erweitert. Es ist dem Naturkundemuseum zu wünschen, den neuen Standort entsprechend komplex zu lesen - insofern sollte seine zukünftige Gestaltung nicht von einer neutralen Black Box ausgehen, sondern das Potenzial des Bestands ausschöpfen und die Geschichte(n) des Ortes, des Raums und die Szenographie des Museums aufeinander zu beziehen: Unterwelt, Infrastruktur, Erdschichten, Ostmoderne - so könnte ein spezifischer, urbaner Wissensort in Leipzig entstehen.

Literatur:
Gössel, Uwe u.a. (Hg.). Boden.Treff.Leipzig. Die letzten 500 Millionen Jahre. Eine Produktion in Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Leipzig. Produktionsheft, Leipzig 2021.
Hocquél, Wolfgang und Annette Menting (Hg): „… bauen mit Steinen, die man hat“. Der Leipziger Architekt Winfried Sziegoleit. Kulturstiftung Leipzig, 2008.
Menting, Annette (Hg.). Bowling together! Bowlingtreff Leipzig - Eine Spielstätte auf Zeit. Leipzig: Poetenladen Verlag 2007.
Menting, Annette. Begegnungen mit dem Bowlingtreff Leipzig von Winfried Sziegoleit. In: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 2007-2008, Dresden: 2009, S. 205-211.
 
Websites:
Gössel, Uwe (Hg.).Bodenproben. Boden.Treff.Leipzig. Website: https://www.bodenproben.org/boden-treff-leipzig 
Naturkundemuseum Leipzig (Hg.). Auf dem Weg zum neuen Naturkundemuseum Leipzig, Eine Instanz der städtischen Gesellschaft - Naturkundemuseum 4.0. Website: https://naturkundemuseum.leipzig.de/forschung-fuer-alle/

 

Textauszug:
Walter Benjamin: Ausgraben und Erinnern
Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangnen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen – ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn »Sachverhalte« sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht – wie Torsi in der Galerie des Sammlers – stehen. Und gewiß ist's nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ebenso ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in's dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengsten Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.
(undatiert, ev. 1932)
Benjamin, Walter: Ausgraben und Erinnern [WBA 359]. In: Walter Benjamin Digital. www.walter-benjamin.online/seite/suche/wba_359 [Zugriff 31.10.2021]

Spielort (Raum/Bautyp): temporärer Spielort im leerstehenden Bestandsbau ehemaliger Bowlingtreff Leipzig

Adresse: Wilhelm-Leuschner-Platz 1, 04107 Leipzig

Baujahr: 1926 Umformwerk / 1987 Bowlingtreff / Umnutzung als Naturkundemuseum in Planung

Installation/Entwurf: bodenproben.org in Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Leipzig

Aufführung/Nutzungszeitraum: Boden.Treff.Leipzig. / 15.-31.10.2021

Projektkosten/Baukosten: keine Angaben

Finanzierung: Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von Neustart Kultur

Konstruktion: Installationen im Bestand

Platzanzahl: ca. 150 Stehplätze

Bühne: Bowlingbahnen

Künstler:innen: bodenproben.org mit Thomas Goerge (Erd-Theater: Text, Video, Installation), Uwe Gössel (Künstlerische Leitung, Text und Performance), Niclas R. Middleton (Videoinstallation), Mark Polscher (Komposition und Performance), Annett Sawallisch (Performance), Bernhard Siegl (Installation und Ausstattung), Brian Völkner (Chorleitung) sowie Bürger:innen von Leipzig und weiteren Expert:innen.